Ein gemeinsames Projekt der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt und der Schweizerischen UNESCO-Kommission
Dieser Schlussbericht kann zusammen mit den Interventionen von Ruth Schweikert, Jean-Frédéric Jauslin, Diego Gradis, Morton Gøbel Poulsen und Farai Mpfunya (diese in den Originalsprachen) als PDF-Broschüre heruntergeladen werden.
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Mauro Abbühl
159 Fachpersonen aus dem In- und Ausland trafen sich am 26. August 2011 in Zürich zum Forum „Kulturelle Vielfalt für nachhaltigen Entwicklungen“, organisiert von der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt. NGOs und staatliche Institutionen aus Entwicklungszusammenarbeit (EZA), Kulturförderstellen, KünstlerInnen, VeranstalterInnen und weitere KulturvermittlerInnen trugen in Referaten und Workshops einer Bestandesaufnahme der Schweizer Aktivitäten rund um die kulturelle Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern bei. Die Tagung zeigte auf, dass sowohl in der Schweiz wie auch in den Partnerländern im Süden und Osten Beachtliches getan wird, viele der Initiativen jedoch bisher nicht genügend bekannt sind. Das Forum wurde zu einer ersten öffentlichen Plattform, um Informationen und Erfahrungen auszutauschen und die Diskussion über dringende Anliegen und Strategien für die Zukunft in Angriff zu nehmen.
Nach der Eröffnung der Tagung durch die Schriftstellerin Ruth Schweikert, Vorstandsmitglied der Koalition, wies Jean-Frédéric Jauslin, Direktor des Bundesamtes für Kultur, in seiner Grussbotschaft darauf hin, dass die Schweiz im April 2012 ihren ersten Bericht zur Umsetzung der 2008 ratifizierten „Unesco-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ präsentieren wird. Dabei stehen vier Themenbereiche im Fokus: Kulturpolitische Massnahmen, internationale Zusammenarbeit, Integration der Kultur in die Politik zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung und Schutz bedrohter kultureller Ausdrucksformen. Der Bericht wird im Kontakt zu den betroffenen öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren erarbeitet und soll im Februar 2012 in einer öffentlichen Veranstaltung diskutiert werden.
Diego Gradis, Vizepräsident der Schweizerischen Unesco-Kommission, rief in Erinnerung, dass die UNO-Generalversammlung Ende 2010 in einer Resolution die wichtige transversale Rolle der Kultur in der Entwicklung betonte, insbesondere auch in Bezug auf das Erreichen der im Jahr 2000 formulierten Milleniumsziele. Sie hält unter anderem fest: „Kultur ist eine grundlegende Komponente der menschlichen Entwicklung, sie ist eine Quelle der Identität, Innovation und Kreativität für Individuen und Gemeinschaften und ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Armut…“ Die Resolution lädt die Mitgliedstaaten ein, „…auf allen sinnvollen Ebenen Handlungskompetenzen zu fördern, um einen dynamischen Kultur- und Kreativsektor zu entwickeln, insbesondere indem Kreativität, Innovation und Unternehmertum unterstützt und nachhaltige Kulturinstitutionen und Kulturindustrien gefördert werden.“ (http://kulturellevielfalt.unesco.at/cgi-bin/file.pl?id=430)
Der erste internationale Gastreferent Farai Mpfunya, Direktor des „Culture Fund of Zimbabwe Trust“, schickte seinen Gedanken ein Zitat der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie voraus: „Das Problem mit Stereotypen ist nicht, dass sie unwahr sind, aber sie sind unvollständig. Sie machen aus einer Geschichte die einzige Geschichte.“ Im Folgenden wies er auf die sehr grosse kulturelle Vielfalt Afrikas hin, wo eine Milliarde Menschen in 54 Ländern rund 2000 Sprachen sprechen. Er forderte die Geberländer auf, den afrikanischen Partnern mehr Vertrauen zu schenken und die Entscheidungskompetenz über die unterstützungswürdigen Projekte an Strukturen vor Ort zu delegieren. Der von der Schwedischen Entwicklungsagentur SIDA mitfinanzierte und von Spezialisten aus Zimbabwe geleitete „Culture Fund of Zimbabwe Trust“ (www.culturefund.org.zw) hat in den letzten Jahre über 500 Kulturprojekte gefördert, während das von verschiedenen Stiftungen finanzierte Netzwerk „Art moves Africa“ (www.artmovesafrica.org) vor allem die Mobilität von Kulturschaffenden innerhalb des afrikanischen Kontinentes unterstützt.
Morton Gøbel Poulsen, Programmkoordinator des Danish Center for Culture and Development DCCD, sprach als zweiter Gastreferent das Paradox an, dass zwar die wichtige Rolle der Kultur in Entwicklungsprozessen weit herum betont wird, und die Ereignisse der letzten Monate in Ägypten und Tunesien haben das wieder deutlich gezeigt. Die Notwendigkeit von Kulturförderprogrammen wird jedoch von den Geldgebern nicht wirklich anerkannt, auch die Unesco-Konvention bleibt auf der Ebene der Umsetzung von Kultur fördernden Massnahmen unverbindlich. Die Uno-Resolution zu Kultur und Entwicklung vom Dezember 2010 lässt hoffen, dass Kulturförderung zukünftig auch in den entscheidenden Dokumenten zur Entwicklungszusammenarbeit Eingang findet. Er plädierte für die gute Dokumentation von Kulturprogrammen und „Best practices“, denn heute geht es nicht mehr um das „Warum“, sondern um das „Wie“. Am Beispiel von Projekten des DCCD betonte er die Wichtigkeit, von Beginn an die Bedürfnisse und Kapazitäten der Beteiligten zu klären und bei Kooperationsprojekten nicht nur die Partner aus dem Norden in den Süden zu schicken, sondern auch Kulturschaffende aus dem Süden nach Europa einzuladen und ihnen zu ermöglichen, sich selbst die Partner auszusuchen.
Im Anschluss an die beiden Referate stellten verschiedene Schweizer Institutionen ihre Fördermassnahmen vor: Das Büro für Kulturkooperation artlink, welches über den von der DEZA finanzierten SüdKulturFonds prioritär Musikprojekte fördert; das Netzwerk artists-in-residence, die gesamtschweizerische Plattform im Bereich der Austausch- und Gastateliers; Trigon-Film, welche ebenfalls mit DEZA-Geldern den Vertrieb von Filmen, kleinere Filmfestivals und über die Stiftung „Visions Sud-Est“ auch die Produktion von Filmen fördert; Helvetas, welche Kulturprojekte in mehreren Ländern betreibt; die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die in Kairo, Kapstadt, New Delhi, Warschau und Shanghai Aussenstellen betreibt; und schliesslich die DEZA selbst. 2004 postulierte sie in der Broschüre „Kultur ist kein Luxus“, dass ihre Kooperationsbüros im Süden und Osten mindestens 1 Prozent des Budgets für Kulturprojekte einsetzen sollen. Am Forum präsentierte die DEZA nun zum ersten Mal eine Übersicht der sehr verschiedenen Aktivitäten in rund 30 Ländern, stichprobenweise erhoben für das Jahr 2009. Einschliesslich der drei grossen Programme Westbalkan, südliches Afrika (beide im Mandat von Pro Helvetia umgesetzt) und Zentralasien, bezifferte sich diese Kulturförderung auf rund 6 Mio. Schweizer Franken und entsprach damit 1,08 % des Gesamtbudgets der DEZA-Aktivitäten im Süden und Osten. Die drei grossen Regionalprogramme machen davon knapp 3,5 Mio. aus, zwei dieser Programme werden 2013 abgeschlossen. Die DEZA betonte auf dem Podium wie auch im schriftlichen Bericht, dass Potential für ein stärkeres Kulturengagement in mehreren Schwerpunktländern vorhanden ist und sie deshalb die nötigen Massnahmen treffen wird, um den Richtwert von 1 % auch in den kommenden Jahren zu erreichen.
In sechs Workshops wurden am Nachmittag vielfältige Aspekte der kulturellen Kooperation mit dem Süden und Osten diskutiert.
„Kultur in der EZA: Kirsche auf dem Kuchen oder Hefe im Teig?“ war das Thema in gleich zwei Arbeitsgruppen, welche zu folgenden Schlüssen kamen:
Unter dem Titel „Kulturelle Zusammenarbeit: Wie bringt sie mehr als Events“ wurden in einem Workshop vor allem die Erfahrungen des Pro Helvetia-Verbindungsbüros in Kairo diskutiert. Als Beispiele dienten der Gastaufenthalt eines Schweizer Künstlerpaares und zwei Musikprojekte, in welche MusikerInnen aus beiden Ländern involviert waren. Viel zu Reden gab die Frage, welche Breitenwirkung solche Projekte haben können in einer Millionenstadt, wo nur eine ganz kleine Schicht von Leuten sich für Kulturaustauschprojekte interessiert. Obwohl die Diskussion vor allem viele weitere Fragen hervorbrachte, können einige Statements und Erkenntnisse festgehalten werden.
Im Workshop „Kreativwirtschaft als Entwicklungspotential: zum Beispiel Film“ stellte Martial Knaebel einen kurzen Abriss der Geschichte von Trigon-Film dar, während Farai Mpfunya am Beispiel Zimbabwes erläuterte, wie sich eine lokale Filmindustrie entwickeln kann. In schriftlicher Form lag ein Bericht zum von der DEZA finanzierten Projekt „Avanti“ im Südkaukasus (Georgien, Azerbaijan, Armenien) vor, umgesetzt von der Stiftung Focal (Lausanne), über welches von 2002 bis 2009 Produktion und Ausbildung im Bereich Film unterstützt wurde. Aus der Diskussion können folgende Punkte festgehalten werden:
„An der Grenze hängen geblieben“ war das Thema des Workshops zur Mobilität für Kulturschaffende und ihre Werke. Obwohl die Unesco-Konvention zur kulturellen Vielfalt und ihre Leitlinien zur Umsetzung unmissverständlich die Vorzugsbehandlung für Kulturschaffende aus Entwicklungsländern fordert, insbesondere erleichterte Verfahren in Bezug auf die Visaerteilung, Arbeitsbewilligungen und die Zollabfertigung von Werken und Equipment, ist sowohl in der Schweiz wie auch in anderen europäischen Ländern in den letzten Jahren eine Verschärfung der Einreisebedingungen festzustellen, insbesondere aufgrund des Schengen-Verfahrens. Im Workshop wurden verschiedene Beispiele erläutert, wie zum Teil renommierten Kulturschaffenden aus dem Süden von der Schweizer Botschaft das Visum verweigert wurde oder zum Beispiel von einem kantonalen Amt Gebühren für eine arbeitsmarktliche Begutachtung erhoben werden (d.h. die Abklärung, ob für den eingeladenen ausländischen Künstler nicht eine geeignete Person in der Schweiz zu finden wäre!). Während die Botschaften beteuern, nur aufgrund von Fakten entscheiden zu können (und sich deshalb z.B. nicht auf das Renommée der einladenden Institution verlassen dürfen), werden ablehnende Entscheide oft pauschal mit „Migrationsrisiko“ begründet, zu dem gar keine Fakten geliefert werden können. Es handelt sich um rein subjektive Entscheide. In der Diskussion wurden folgende Punkte festgehalten:
Ein letzter Workshop hatte zum Thema: „Kulturschaffende aus dem Süden in der Schweiz: Welche Förderung braucht es heute?“ Dieser fragte einerseits nach den Bedürfnissen der Schweizer VeranstalterInnen, wenn sie aufgefordert werden, in ihrem Programm vermehrt Projekte aus dem Süden und Osten zu berücksichtigen. Andererseits thematisierte er die Rolle der KünstlerInnen aus diesen Ländern und Kontinenten, welche in die Schweiz eingewandert sind und zum Teil schon seit Jahrzehnten hier leben. Die Diskussion drehte sich in weiten Teilen um die Aufgaben des Büros für Kulturkooperation artlink und die Förderbeiträge aus dem von ihm verwalteten SüdKulturFonds, welcher von der DEZA finanziert wird und prioritär Projekte aus der Sparte Musik unterstützt. Dabei wurde in verschiedenen Inputs und Voten folgendes festgehalten:
Im abschliessenden Podiumsgespräch wurden mit den VertreterInnen der verschiedenen Förderinstitutionen sowie den beiden ausländischen Gastreferenten ausgewählte Statements aus den Workshops angesprochen und auch Fragen aus dem Publikum beantwortet. Als wichtigste Feststellungen und Forderungen des Forums können festgehalten werden:
Die Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt wird mit ihrer Arbeitsgruppe „Internationale Kooperation“ in den nächsten Monaten die am Forum formulierten Anliegen aufnehmen und konkrete Vorstösse in den dringendsten Fragen vorbereiten. Sie wird diesbezüglich auch als Vertreterin der Zivilgesellschaft gemäss Art. 11 der Unesco-Konvention in der vom BAK geplante Berichterstattung zur Umsetzung der Konvention Stellung nehmen.
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